Ach, wie werden wir sie vermissen. Nur noch 2 Wochen, dann ist der Wahlkampf erst mal vorbei. Keine zusätzliche Belebung mehr der Hauptstraße, keine „Beflaggung“ der Laternenmasten. Dann ist Schluss mit den Werbezetteln in Briefkästen und auf Ladentheken. Wer auch immer die Geschicke der Stadt bestimmt – dann muss geliefert werden, sonst merken wir uns das für die nächste Wahl. Ach, wem mach’ ich denn was vor? Als Wähler hat man kein gutes Gedächtnis. Man vergisst so einiges, was in den Jahren so passiert ist. Wer uns einfach ignoriert hat oder Wasser predigt und Wein trinkt.
Ein Thema, das alle auf dem Programm haben, ist die Mär vom leistbaren Wohnen. Leider, muss ich sagen, wird das so nicht kommen bei uns. Wie kann ich nur so pessimistisch sein? Ist das nicht sonderbar? Alle wollen es und finden es „sauwichtig“ aber passieren tut nichts. Schlagworte wie Nachverdichtung, kreative Ideen, Wohnbaugenossenschaften, Enteignung, mehr Hochhäuser, Leerstandsbeseitigung sind so alt wie das Problem selbst aber passieren tut nichts.




Hier möchte ich gerne auf den Wiederaufbauatlas verweisen, der – auch mit Bildern – die Entwicklung nach dem Krieg aufzeigt:

Das war nicht immer so. Als die Stadt jung war, gab es wenig Einwohner und es gab Platz und verläßliche Arbeitgeber. Eisenbahnerwohnungen und solche für Zollbeamte waren der erste Grundstock. Es gab freie Felder für die Bebauung und die Grenze war eine Barriere in beide Richtungen. Man baute Genossenschaftswohnungen und die Mittel für sozialen Wohnbau waren gut verfügbar. Die damals gebauten Wohnungen sind noch heute ein wichtiger Bestandteil der Stadt. Man wies günstige Parzellen zum Hausbau an. Denn fast ein Drittel der Bürger waren Flüchtlinge nach dem Krieg. Man sieht es noch an den Straßennamen. Diese Neubürger waren auch der Motor für das wirtschaftliche Wachstum, mit vielen Unternehmen, die damals gegründet wurden. So war Platz für alle. Auch die netten alten Häuser ließ man in Ruhe. Gut bairisch: Leben und leben lassen. Das war gut so, denn Freilassing ist von der Fläche her eine der kleinsten Gemeinden, weshalb es wohl überlegt sein sollte, wie man damit umgeht.

Damals wurden auch viele Bauern mit den dicksten Kartoffeln quasi über Nacht wohlhabend und zum Immobilienkrösus. Mal mit mehr und oft mit weniger Erfolg. Aber das ist eine eigene Geschichte und nicht immer eine erfreuliche.
Seither ist viel passiert. Mittel für sozialen Wohnbau sind versickert, bestehende Immobilien wurden in politischer Kurzsichtigkeit verkauft und im Rausch des „der Markt regelt das“ wurde das Soziale in der Sozialen Marktwirtschaft aufgegeben – zumindest im Wohnbau. Im Ergebnis ist Bayern ein reicher Staat, aber davon haben nur die im Maximilianeum was davon und ihre Amigos (parteiübergreifend wie wir aus Ampeltagen und blauen Wundern erfahren haben).
In den letzten Jahren wurden hunderte von Wohnungen gebaut. Zu 90% als Eigentumswohnungen. Die werden dann teilweise vermietet, weil sie ja Kapitalanlage sind und sich das auch rechnen muss. Die Preise sind deshalb besonders hoch. Genossenschaftlicher Wohnbau kann ohne Mittel nur sehr langsam neuen Wohnraum schaffen. Aber auch die Eigentumswohnungen sind mittlerweile so teuer geworden, dass sich Baufirmen immer mehr zurückhalten oder statt auf Verkauf auf Vermietung setzen (Sparkasse, Sörgelvilla, Naglerwald…) aber eben mit entsprechenden Mieten.

Nachverdichtung ohne Konzept führt zu noch teureren Immobilien und zur Gentrifizierung, lindert aber nicht den Bedarf an bezahlbarem Wohnen. Neue Projekte kümmern sich nicht um Stadtbild und Geschichte sondern nur um Gewinnmargen. Noch vor einigen Jahren warben Immobilienentwickler mit Salzburghofen und dem dörflichen Charakter, den sie selbst dann damit nachhaltig zerstört haben. Hier wäre die Stadt in der Verantwortung. Doch das Ergebnis sieht man auch in der Hauptstraße als Sammelsurium einfaltsloser Architektur. Der öffentliche Raum verschwindet nachhaltig, aber Investoren sind zufrieden. Die Stadt duckt sich weg.
Dann gibt es noch die Sozialraumstudie. Eine Schätzung, wie sich die Bevölkerung in der Gegend entwickelt. Kurz: Babyboomer gehen in Rente, Arbeitskräfte fehlen, Firmen müssen schließen, weshalb wir viele Wohnungen brauchen, damit wir im Ausland neue Arbeitskräfte anwerben können. Gleichzeitig eröffnen wir ein neues Gewerbegebiet auf der grünen Wiese und haben das nächste schon in der Planung, wozu wir dann noch mehr Arbeitskräfte brauchen usw.. Das ist kein perpetuum mobile sondern ein Teufelskreis. Es gibt dazu auch andere Meinungen, die zu einem nachhaltigeren Umgang mit solchen Ressourcen anraten. Ebensowenig wie Amazon und Co vor Freilassing halt gemacht haben, wird auch die KI Revolution den Arbeitsmarkt nicht verschonen. Im Moment werden die Wohngebiete nicht für die Freilassinger geplant, sondern für neue Bürger. Sollte man nicht erst einmal darauf sehen, dass es den existierenden Wählern gut geht, bevor man solche Pläne schmiedet?
Stellen wir uns also einmal vor, man würde 500 Wohnungen mit Preisbindung als Mietwohnungen bauen. Dann wären die Aufgrund des Marktdrucks von Salzburg her innerhalb kürzester Zeit weg. Nach 10 Jahren entfällt die Preisbindung und die Wohnungen werden teurer, man muss aber die Infrastruktur (Verkehr, Schulen, Medizin) auch entsprechend anpassen und dann hat man das gleiche Problem wieder in 10 Jahren, auch deswegen, weil die Jugendlichen ihre Zukunft woanders sehen und dann doch lieber in Kirchanschöring bauen. Gleichzeitig schafft man sich neue Probleme der sozialen Ausgewogenheit. Denn bei allen Bauprojekten ging es nur um die Kosten, nicht um den öffentlichen Raum, um die zwischenmenschlichen Aspekte. Mietprojekte brauchen nämlich auch ein gutes, erfahrenes Management und gute Verwalter. Wie wichtig das in Freilassing ist, sieht man an der unglücklichen Gestaltung von Plätzen und Parks. Als ob sie’s absichtlich verschandeln wollten.

Doch selbst das wird nicht passieren, weil es von der Regierung keine ausreichenden Mittel für Mietwohnungen gibt. Und wenn Söder was anderes verspricht – das wäre nicht das erste Versprechen, das dann doch ganz anders gemeint war.
Die Lösung kann nur ein behutsamer Aufbau mit einem Anteil an preiswerten Mietwohnungen sein. Behutsam nach einem zukunftsfähigen Konzept, das die Stadt nicht als Kapitalfirma sieht sondern als Vertretung der Rechte und Ziele der Einwohner. Das heißt, dass man auf keinen Fall den Bauturbo aktivieren darf, denn es ist schon genug Schaden angerichtet. Aber das ist richtig Arbeit und die will keiner machen. Man will nur einfach Lösungen.
Genauso wichtig ist es, die Bürger mitzunehmen. Wo war denn die Diskussionsrunde bei der Planung des neuen Gesundheitszentrums? Wo das Treffen zum Grundschulausbau? Die Bürgerbefragung zum Bahnhof, zu den Radstreifen auf der Reichenhaller Straße? Nicht so Alibidinger wie den komischen Ausschuss oder ähnliche Auswüchse. Dass der CSU Landrat Kern bei seiner Immobilienpräsentation letztes Jahr keine Fragen beantworten wollte, passt ins Bild einer Verfremdung von Verwaltung und Menschen.
Ich habe einmal angeboten, den entsprechenden Personen eine entsprechende Weiterbildung in Sachen Stadtplanung zu bezahlen. Es hat sich keiner gemeldet. Aber, was soll’s: Die Zukunft kommt schon ganz von selbst. Es fragt sich nur, ob wir dabei sind.