Wer sich unter dem Begriff „Wie die Axt im Walde“ nichts vorstellen konnte, dem sei nahegelegt, im Freilassinger Auwald doch einmal ein wenig die Nebenwege zu erkunden. Hier finden sich Lager und Materialhalden unterschiedlicher Art neben dem Ergebnis der Arbeit im Holz verbunden mit Bauschutt zur Befestigung der Wege. Anscheinend ist das so notwendig, auch wenn es jedes Jahr mehr zu werden scheint. Aber was verstehe ich schon von der Waldwirtschaft und wenn man sich nicht auskennt, dann sollte man wohl besser die Hände davon lassen.
Wie die Axt im Walde wurde denn auch die Stadt und die Stadtentwicklung behandelt. Nicht aus Dummheit oder falsch verstandener Modernität sondern als Mittel zum Zweck. Man könnte sagen, dass es egal ist, weil das Ergebnis für sich spricht, doch ich glaube, dass es hilfreich für ein besseres Verständnis ist.

Freilassing sah sich nach dem Krieg mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Im Zuge des Wirtschaftswunders wollte man mitspielen und da taugte es nichts, sich zu lange mit Geschichte und alten Werten aufzuhalten. Voraussetzung war modern, schnell und billig, denn das Wachstum der Stadt war enorm durch Wirtschaft und Flüchtlinge. Es wird sogar einer der damaligen Politiker zitiert, dass man den Leuten das Bauerntum abgewöhnen müsse. Alle Alte ist schlecht und nur das Neue und der Fortschritt zählt. Man muss zeigen, dass man für den Fortschritt steht. Das hält sich bis heute und witzigerweise wird es von Leuten vertreten, die das auch selbstbewusst im Trachtenjanker postulieren. Man sagt ja immer noch, dass der FC Bayern nur wegen dem Hierl in Freilassing auf seine Lederhosentradition gekommen ist.

Also baute man alles, wie es gerade en vogue war. Keine Kirche wie alle anderen, nein die Freilassinger müssen besonders sein. Das alte Rathaus war alt und damit unbrauchbar – also weg. Man baute ein modernes Freibad mit selbstbewusstem Design und Restaurant, womit das alte „Ratzenbad“ ersetzt wurde. Man baute die Münchner Straße in das um, was man für modern hielt. (Ja, ich weiss: moderne Architektur ist wieder ganz was anderes.)

Für das neue Rathaus war wieder ein neuer Stil in Mode, der sich in manchen Ecken der Stadt wiederfindet. Es geht hier nicht um einen Plan, sondern um das Feiern des Neuen. Wer sich aber selbst städtebauliche Demenz verordnet, vergisst auch seine Wurzeln und die Erfahrung von Generationen. Wenn man sich bemüht, kann man viel von der Nützlichkeit der alten Gebäude lernen und warum das gerade jetzt für neue Bauten sinnvoll ist.

Bis heute verfolgt Freilassing diese Vorgaben: Hauptsache neu und Hauptsache billig. Die Stile werden sich verändern, die Ignoranz aber bleiben. Wir lernen mittlerweile, dass nicht alles gut ist, nur weil es neu ist. Das Wiederholen der Fehler ist zur Methode geworden. Da hilft auch kein veraltetes ISEK. Und so passt es wohl, das eines der neuen Projekte eine große Filiale des Billiganbieters Lidl ist und wir Geschäfte wie Hierl und Gugg schon lange vergessen haben. Wie die Axt im Walde – immer weiter.
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